Forschungsprojekt

Eintritts- und Austrittmotive von NSDAP-Mitgliedern 1925-1945 (Arbeitstitel)


Finanzierung
Senior-Forschungsprofessur der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und des Landes Rheinland-Pfalz, inneruniversitäre Forschungsförderung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, sowie Förderungsmittel der Friede Springer Stiftung.

Beschreibung

Unser durch die Friede Springer Stiftung gefördertes Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der Rekonstruktion von Beitritts- und Austrittsmotiven der NSDAP-Mitglieder in den Jahren 1925-1945. Damit soll nicht nur eine schmerzliche historiographische Lücke gefüllt, sondern auch weitere Erkenntnis über die Anfälligkeit von Menschen gegenüber den Verlockungen extremistischer und populistischer Bewegungen in Krisenzeiten und damit auch über die geistig-moralischen Stabilitätsbedingungen demokratischer Systeme gewonnen werden. Ein sekundäres Ziel des Projekts ist die Herausarbeitung von Verteidigungs- und Entschuldigungsgründen, die von ehemaligen Parteigenossen im Rahmen ihrer Entnazifizierungsverfahren im Hinblick auf ihre Mitgliedschaft in der NSDAP zu Papier gebracht wurden.

Auch wenn so gut wie alle Theorien zur Erklärung des Aufstiegs der NSDAP sich auf Motive des Parteibeitritts beziehen, gibt es bisher lediglich fundierte Erkenntnisse über das Geschlecht, das Alter, den Beruf, die regionale Herkunft und den sozialen Status sowie mittlerweile auch den sozialen und konfessionellen Kontext, aus dem die NSDAP-Neueintretenden stammten. Diese Erkenntnisse besitzen wir nicht nur auf lokaler und regionaler, sondern auch und vor allem auf nationaler Ebene. Worüber wir jedoch immer noch nicht ausreichend Bescheid wissen, sind die Motive des Parteibeitritts wie auch eines möglichen Austritts aus der NSDAP. Es liegen nur relativ wenige direkte und überdies zeitlich eingeschränkte Erkenntnisse, die zudem ausnahmslos auf einer nicht-repräsentativen Datenbasis beruhen, vor.

Typischerweise gehen fast alle Erklärungsversuche des Wählerverhaltens zugunsten der NSDAP und des Beitritts zu dieser Partei von der dominierenden Wirkung eines einzigen Beitrittsmotivs aus, obwohl das alles andere als plausibel erscheint. Es ist eher unwahrscheinlich, dass schicht-, regionen- oder altersklassenübergreifend dasselbe Motiv den Ausschlag gab, sich der Partei anzuschließen. Vielmehr dürften sowohl zwischen den sozialen Schichten und den einzelnen Berufsgruppen als auch innerhalb derselben recht unterschiedliche Motive eine Rolle dafür gespielt haben, der NSDAP als Mitglied beizutreten und, wenn auch nur bei einer Minderheit, diese wieder zu verlassen.

Das primäre Erkenntnisinteresse des vorliegenden Forschungsvorhabens bezieht sich denn auch darauf, anhand geeigneter Materialien, zu denen neben den Erkenntnissen aus der Auswertung der Abel-Collection eine Analyse der sogenannten Gimbel-Berichte von Angehörigen der „Alten Garde“ im Gau Hessen-Nassau sowie eine systematische Auswertung ausgewählter Entnazifizierungsakten zählen, die unterschiedlichen Motivstrukturen, die für den NSDAP-Beitritt und, wo vorliegend, für den Austritt aus der Partei verantwortlich waren, zu rekonstruieren und sie in Beziehung zu den vorliegenden „objektiven“ Strukturmerkmalen zu setzen. Dabei geht es nicht nur um Eintritts- und Austrittsmotive an sich und nicht nur um Typen von solchen Motiven, sondern auch um die Verteilung derartiger Motive zwischen und innerhalb der demografischen Kategorien und sozialen Schichten und über die Zeit. Gewissermaßen als Abfallprodukt der angestrebten Dokumentenanalyse von Entnazifizierungsakten ergeben sich die Informationen für das sekundäre Erkenntnisinteresse, nämlich die Herausarbeitung von Entschuldigungsstrategien, die im Rahmen der Entnazifizierungsverfahren eingeschlagen wurden.

Mit den Ergebnissen des Projekts lassen sich neue Erkenntnisse darüber gewinnen, was so viele Menschen in die Arme der totalitären Massenpartei NSDAP getrieben und manche auch wieder zum Austritt bewegt hat. Schon aus rein historiografischem Interesse wäre das ein großer Fortschritt in der Erforschung der nach wie vor brennenden Frage, woran die Weimarer Republik zugrunde gegangen ist. Darüber hinausgehend ist angesichts des gegenwärtigen Zulaufs, den rechts- und linkspopulistische Parteien in Europa verzeichnen, der aus dem beantragten Projekt resultierende Erkenntnisgewinn von großer demokratietheoretischer Bedeutung, da es hier um Erkenntnisse über die Anfälligkeit von Menschen gegenüber den Verlockungen extremistischer und populistischer Bewegungen in Krisenzeiten und damit auch um die mentalen und attitudinalen Stabilitätsbedingungen demokratischer Systeme geht. Sollte die aus den vorbereitenden Studien für diesen Antrag gewonnene vorläufige Erkenntnis, dass es nicht zwingend weltanschauliche Übereinstimmung mit dem Programm der NSDAP war, was die Menschen am Ende der Weimarer Republik und während des Dritten Reiches dazu brachte, für sie zu stimmen und sich ihr als Mitglied anzuschließen, wäre das ein wichtiger Beleg dafür, dass es nicht nur die ideologisch Überzeugten sind, sondern gerade auch aus vielfältigen Motiven Unzufriedene und protestmotivierte Unterstützer und später auch die Mitläufer und Opportunisten, die extremistische Bewegungen gerade in Demokratien stark machen und ihnen zur Macht verhelfen können.

Diesem Projekt war ein durch die DFG gefördertes Projekt vorgelagert, das sich mit den Mitgliedern der NSDAP in den Jahren 1925-1945 beschäftigt hat. Auf diesem Forschungsgebiet wurden bis dato erst wenige statistisch fundierte Untersuchungen vorgenommen, die vorwiegend aus dem angelsächsischen Bereich stammen. Ihnen lastet jedoch das Manko an, mit zu geringen oder teilweise sogar fehlerhaften Datengrundlagen gearbeitet zu haben, weshalb bis zur Erscheinung der Ergebnisse der Forschungsprofessur keine umfassende Untersuchung der NSDAP-Mitgliedschaft vorlagen, die strikten wissenschaftlichen Kriterien genügt hätten. An dieser Stelle setzte unser Projekt mit der Zielsetzung an, diese Lücke zu schließen und Erkenntnisse aus früheren Werken von Prof. Falter über die NSDAP-Wähler und Mitglieder – beispielsweise „Hitlers Wähler“ (1991), „Die Jungmitglieder der NSDAP zwischen 1925 und 1933“ (1993) oder „Die ‚Märzgefallenen‘ von 1933“  (1998) – zu ergänzen und auszubauen. Zu diesem Zweck wurde eine Stichprobe für die Jahre 1925-1933 aus der im Bundesarchiv in Berlin liegenden NSDAP-Mitgliederkartei durch eine entsprechende Stichprobe für die Jahre 1934-1945 ergänzt. So bildete nun ein rund 50.000 Fälle starker Datensatz die Grundlage des ersten Projekts. Dieser umfasst – weltweit einzigartig – so gut wie alle auf den NSDAP-Mitgliederkarteien enthaltenen Informationen. Die mittlerweile veröffentlichten substantiellen Analysen beziehen sich dabei einerseits auf Fragen nach der Herkunft, der beruflichen Zusammensetzung, dem Alter, der Verweildauer etc. der NSDAP-Mitglieder, andererseits erlauben sie durch die Einbeziehung von Kontextdaten wie beispielsweise der Konfessionsfärbung des Wohn- und Geburtsorts (also eher protestantisch oder eher katholisch), seiner Wirtschaftsstruktur oder der Arbeitslosenrate zu bestimmten Zeitpunkten auch die Beantwortung von Fragen, die bisher anhand der Informationen auf den Mitgliederkarteien allein nicht beantwortet werden konnten. Diese Weimarer Wahl- und Sozialdaten wurden im Rahmen früherer Projekte zusammengetragen (verfügbar über GESIS). Mit ihrer Hilfe lassen sich etwa die Fragen beantworten, aus welchen lokalen Kontexten die NSDAP-Mitglieder kamen und wie sich die NSDAP organisatorisch in Gebieten mit hoher oder niedriger Arbeitslosigkeit entwickelte. Übergeordnetes Ziel dieser spezifischen Fragestellungen ist es, bestimmte Ein- und Austrittswellen sichtbar zu machen, denen sich jeweils spezielle (Neu-) Mitgliedstypen zuordnen lassen.

Publikationen im Rahmen des Projektes:

Falter, Jürgen W.  Hrsg. (2016): Junge Kämpfer, Alte Opportunisten. Die Mitglieder der NSDAP 1919–1945. Frankfurt a.M.

Falter, Jürgen W. (2016): Die Mitglieder der NSDAP 1925–1945. Junge Kämpfer – Alte Opportunisten. In: Backes, Uwe/ Gallus, Alexander/ Jesse, Eckhard (Hrsg.): Jahrbuch Extremismus & Demokratie Band 28. Baden-Baden, S. 35-63.

Falter, Jürgen W. (2013): Zur Soziographie des Nationalsozialismus. Studien zu den Wählern und Mitgliedern der NSDAP. Historical Social Research (HSR) Supplement 25. Köln: GESIS.

Falter, Jürgen W. (2013): Der Aufstieg der NSDAP 1928-1933 im Lichte des Cleavage-Konzeptes von Lipset und Rokkan. In: Jeschke, Sven u.a. (Hrsg.): Medienzentrierte Demokratien: Befunde, Trends, Perspektiven. Festschrift für Univ.-Prof. Dr. Fritz Plasser. Wien, S. 279-293.

Falter, Jürgen W. (2013): Political Cleavages in the Weimar Republic and the Rise of National Socialism. In: European Political Science, S. 1-11.